Aarau – Seit Wochen wird in der Altstadt gebaut – Läden verloren bis zu 80 Prozent Kunden
Eine aufgebrochene Strasse, Lärm des Presslufthammers und ganz viel Staub: Im Herzen Aaraus liegt derzeit kein Stein mehr auf dem anderen.
Deborah Balmer
Durch das Fenster der Buchhandlung Kronengasse von Katharina Richner sieht man seit Wochen eine riesige Baustelle: Bauarbeiter haben riesige Löcher aufgerissen, Bagger fahren auf und am anderen Ende der Strasse wird eine grosse Pumpstation gebaut. Es ist laut und staubig. Das passt irgendwie nicht zu der gediegenen Atmosphäre einer Buchhandlung. Trotzdem stört sich die Ladenbesitzerin Katharina Richner nicht an den Bauarbeiten, die seit acht Wochen andauern: «Die Bauarbeiter sind sehr nett und informieren uns jeweils, welche Arbeiten sie gerade machen – auch die Arbeitszeiten halten sie sehr genau ein.»
Der Umsatz in der Buchhandlung sei auf jeden Fall wegen der Baustelle nicht eingebrochen. «Wir haben eine feste Stammkundschaft und die kommt trotz Baustelle», so Richner. Einziger Nachteil: Ihre Mitarbeiterin Ursina Boner bemerkt, dass der Lärm des Presslufthammers ab und zu Kopfschmerzen auslösen könne.
Ganz anders klingt es nur ein paar Schritte weiter bei «Giger’s». Der Geschenkartikelladen von Jürg Giger ist derzeit nur noch über eine Personenbrücke erreichbar. «Die Baustelle hat extreme Auswirkungen auf mein Geschäft», klagt Giger. Er lebt vor allem von Passanten und die bleiben jetzt weg: «Ich habe 80Prozent weniger Kunden als vor Baustellenbeginn», so der Ladenbesitzer.
Gern würde er Hängematten, Stühle und Grills auch draussen präsentieren. Zurzeit ist dies unmöglich. Dennoch hat Giger die Öffnungszeiten seines Geschäfts bewusst beibehalten. Rückblickend sagt er: «Es herrscht Flaute – ich denke jetzt, ich hätte auch Ferien nehmen können.» Beim Restaurant Krone hängt ein Zettel an der Eingangstür: «Bis am 29. Juni ist die Krone erst ab 17 Uhr offen.» Hier hat man wegen der Baustelle sogar Kurzarbeit eingeführt. Gleich nebenan bei Scalo Bar & Café klingt es gleich: «Wir lassen Platz für die Baustelle und öffnen erst ab 16 Uhr» ist hier das Motto. Begleitet von Presslufthammerlärm ein Buch zu kaufen, scheint eines zu sein. Aber mit zu viel Lärm im Hintergrund in einem Kafi zu sitzen, darauf verzichten die meisten. Dies zeigt auch die Nachfrage im Restaurant Pizzeria Oliv, gegenüber der Buchhandlung Kronengasse: «Die letzten paar Wochen liefen sehr schlecht», bedauert Geschäftsführer Hüseyin Savsa.
Wenn man durch das Fenster die Baustelle sehe und vor allem höre, sei das halt nicht so gemütlich. Betroffen sind im «Oliv» auch die Aussensitzplätze, wo unter der Woche nur noch wenige Gäste Platz nehmen. Nur das Restaurant Laterne merkt nichts von der Baustelle.
Viel Regen, gutes Geschäft
Gleich nebenan in der Metzgerei stellt Michele Ricci ebenfalls einen Kundenrückgang fest, wenn auch einen etwas geringeren: «Wir haben etwa 20Prozent weniger Kunden – die Stammkunden kommen aber trotz Baustelle zu uns.» Ricci zeigt Verständnis: Die Leute gehen halt nicht gern über Baustellen, «deshalb fallen die Passanten weg».
Noch ein Geschäft weiter, bei Hans-Rudolf Büchli im «Men’s Republic» an der Kronengasse 4, klingt es so, als gäbe es keine Bauarbeiten und Staub vor dem Schaufenster: «Wir haben gar nichts gemerkt», so Büchli. «Der Frühling ist halt die Zeit der Hochzeiten, und wir ändern viele Kleider auf Mass.»
Wenn Büchli aus dem Fenster schaut, sieht er auf der anderen Strassenseite bereits den neuen Belag. Ihm gefällts: «Das sieht doch schön aus», sagt er. Auch Mark Bachmann von «Chocolats de luxe» hat in den letzten Wochen keinen Einbruch gespürt, im Gegenteil: «Mein Geschäft lief super», sagt er. Dies hat mit dem vielen Regen im Mai zu tun: «Ist das Wetter schlecht, verkaufe ich viel Schoggi», so Bachmann, «Baustelle hin oder her.»
